Hellas Olé!

Sommer 2004: Die Europameisterschaft in Portugal ist in vollem Gange. Die eigentlich so starken Deutschen, Spanier und Italiener beenden die Gruppenphase allesamt auf Platz drei ihrer Gruppe und verabschieden sich frühzeitig aus dem Turnier. England verliert das Viertelfinale standesgemäß im Elfmeterschießen gegen den Gastgeber und mittendrin bahnt sich eine Sensation an: Griechenland, krasser Außenseiter und von einem Essener Urgestein trainiert, schlägt die Franzosen und steht völlig überraschend im Halbfinale. Außerdem bin da noch ich, angehender "Absolvent" der Marienkäfergruppe eines Kölner Kindergartens, schrecklich verliebt in meine griechische Erzieherin Elena. Als so ziemlich einziger in Deutschland war mir deshalb schon vor dem Turnier klar, dass nur die Griechen den Pott holen konnten. Ob das nun an meiner (einseitigen) Liebesbeziehung zu der mich beaufsichtigenden Grazie lag, oder ich schon in jungen Jahren intuitiv auf die Kompetenzen eines Otto Rehhagel vertraute sei mal dahin gestellt. Schade bloß, dass es für Sechsjährige noch kein Tipico gab. 

In den letzten Tagen habe ich viel zurück gedacht an jenen Sommer. Nicht wegen Elena, meiner Zeit im Kindergarten oder weil ich während des Confed-Cups das ein oder andere Weizen vernaschte und mich unweigerlich an Rudi Völlers Wutausbruch erinnert fühlte. Nein, ich habe mich im Rückblick auf den Sommer 2004 nur eines gefragt: WAS VERDAMMT IST SEITDEM SCHIEF GELAUFEN IM FUSSBALL?

Ein kleiner Vergleich:

Wer sich noch einmal meine Einleitung durchließt, der wird feststellen, dass ich chronologisch auf die Gruppenphase, das Viertelfinale und das Halbfinale eingehe. Moment mal, fehlt da nicht auch das Achtelfinale? Nein, denn 2004 gab es tatsächlich nur (bitter genug, dass in diesem Satz das Wort "nur" betont werden muss) 16 Mannschaften. Es gab vier Gruppen á vier Teams. Simple as that. Die Europameisterschaft war noch eine wahre Meisterschaft. Nix da mit irgendwelchen Gruppendritten, die sich in unterirdischer Art und Weise zum Titel mogeln. Das Turnier fand, und das mag jetzt unglaublich klingen, sogar in EINEM Land statt (in Ausnahmen Partnerbewerbungen). Es brauchte nicht eine gesamt Europäische Aufteilung.

Die Goal Line Technology bestand desweiteren aus den Augen des Schiedsrichters. Vielleicht hatte der ein oder andere Leser schon einmal das Vergnügen, bei einem Pint mit einem Briten in lockerer Atmosphäre über Fußball zu quatschen.

Sofern dieser kein "I voted leave"- T-Shirt trug, die durchschnittliche Intelligenz eines Hafenarbeiters in Middlesbrough besaß oder überwiegend die Vokabelkette fucking kraut shitcunts benutzte, kann das mitunter ziemlich vergnüglich sein. Auch wenn Fußballkonversationen im Allgemeinen, mit Engländern im Speziellen, nicht immer Konsens geprägt sind, kann man sich einer Sache sicher sein: Der Emotionalität und Leidenschaft. Wembley Tor 66, Lampards Lattenkracher 2010 oder andere strittige Der-war-doch-hinter-der-Linie-Situationen werden zunehmend irrelevant. Denn der Fußball ist gläsern geworden. Ähnlich wie eine Big-Data Firma ist alles kontrollierbar, durchsichtig und prozessoptimiert (schreckliches Wort). So stelle ich mir übrigens eine Fußball-Diskussion im Jahre 2030 vor:

 

A: Immer wenn ich diese glutenfreien Soja-Cocktails aus regionalem, nachhaltigen Anbau trinke, werde ich so redselig. Hast du das Spiel gestern gesehen?

B: Das Spiel der beiden besten Gruppen Achten um den Einzug ins Vierundsechzigstelfinale? Na klar. Das war ja eine hitzige Partie zwischen Usbekistan und Andorra. Aber wer konnte denn ahnen, dass _______ (hier bitte hoffnungsvolles, usbekisches Talent einsetzen) in der letzten Spielminute (Anmerkung: Minute 59:23) noch diesen Freistoß aus zwanzig Metern bekommt? Als der Ball dann von der Unterkante der Latte heraus sprang schaute ich sofort zum Schiedsrichter. Was seine Uhr ihm bloß anzeigte? Aber wie gut, dass der Videoschiedsrichter dazwischen gegrätscht ist und den Referee darüber informierte, dass ______ mit seinem Zeigefinger heimlich das Freistoßspray ein paar Zentimeter nach vorne wischte um eine bessere Position zu finden.

 

Als ich mir letzte Woche die Regeländerungs Vorschläge der FIFA durch las, dachte ich mich treffe der Schlag. Verkürzung der Spielzeit auf 60 Minuten? Wie soll das denn funktionieren? Will mir die Fifa also tatsächlich erzählen, ein Jugendschiedsrichter der Kreisklasse in der Oberlausitz müsse demnächst für jeden Einwurf die Uhr stoppen um eine Nettospielzeit von sechzig Minuten zu gewährleisten? Was ein Bullshit. Der einzige Vorteil der Regelung wäre lediglich, dass Bayern München pro Saison ca. 15 Punkte fehlen würden, da sie nicht die Chance hätten in der Nachspielzeit noch ein Tor zu erzielen. Wobei dieser Gedankengang auch wieder überflüssig ist, denn die spielen bis dahin wahrscheinlich schon in der "World Championship Divison" gegen Shanghai, New York etc.

Und seit dieser Woche dann der nächste Schlag ins Gesicht. Der DFB will tatsächlich die U-20 Chinas in der (R)egionalliga Südwest (Das "R" würde natürlich entsprechend ausgetauscht) spielen lassen. Damit entzieht der DFB der Regionalliga de facto ihre ernstliche Wahrnehmungsberechtigung. Vielmehr ist der Amateurfußball an sich nur noch ein Experimientierbaukasten für die wüsten Ideologien der Spinner in Frankfurt, Zürich und wo die Entscheidungsträger sonst so residieren. Nicht nur, dass Meister nicht zwingend aufsteigen. Nein, sie sind inzwischen auch Schausteller für den Zirkus "Vermarktung in Fernost". 

Man wird beinahe ohnmächtig ob der Unverfrorenheit mit der die Funktionäre inzwischen agieren. In Teilen fühlt man sich an "Die Company" aus Prison Break erinnert.

  • Offensichtliche Korruption bei der Vergabe der Ausrichtungsländer
  • Unterstützung inhumaner Regierungen und Systeme wie in Katar
  • Gravierendste Regeländerungen die den Wesensgehalt des Fußballs radikal verändern
  • Eine zunehmend faktische Trennung von Amateur- und Profifußball
  • Schaffung eines ganzheitlichen Hoheitsmonopols durch Beseitigung kritischer Stimmen (Sei es durch interne Entlassungen, Bestechung etc)

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Obwohl ich die Initiatoren der Aktion "Krieg dem DFB" für fragwürdig halte und auch in der Sache (gemäß der Brinkmann'schen Devise "Die Straße holt sich den Fußball zurück") nicht übereinstimme ist der Protest richtig. Der Erhalt des Fußballs geht uns alle an. Ob Straße, Vorortsiedlung oder Wolkenkratzer. Traditionalisten und Realisten. Kategorie A, B und C. Das Maß ist nicht voll, es ist bereits strömend übergelaufen.

Ich bitte jeden Leser einmal ganz nüchtern zu betrachten, wie er den Fußball in seiner Kindheit in Erinnerung hat und ob er zufrieden mit der Entwicklung ist.

Ich bin es nicht. Hellas óle.

 

 

 

 

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